Halber Haufen

2025 ; Grabung ; 40. Jahre Werkstatthaus

Halber Haufen

Die Bildhauerei im Werkstatthaus befindet sich in einem etwa 80 Quadratmeter großen Raum in der ersten Etage des Hauses, der zur Zeit der Familie Hauff als Salon diente, in dem die Familie zusammenkam und Gäste empfing. Das Gebäude, die „Villa Regina“, wurde 1904 fertiggestellt und ist nach der Hausherrin benannt. Regina Hauff führte von der Geburt ihrer Tochter Johanna bis zu deren 18. Lebensjahr ein Tagebuch, das sie ihr widmete und in dem sie Ereignisse in Johannas Leben fotografisch festhielt und schriftlich kommentierte. Auf der letzten Seite des Zeitdokuments zeigt ein Bild eine nicht näher definierte Gruppe Jugendlicher im Salon vor einem opulenten Weihnachtsbaum mit Johanna in der Mitte.

Inzwischen wird im vorderen Teil des Raumes, der jetzigen Bildhauerei, vor allem mit Holz, Plastilin und Gips gearbeitet. Im hinteren Teil befindet sich die Metallwerkstatt. Von dort gelangt man auf die Terrasse mit einer Esse und einem Amboss zum Schmieden sowie Platz für die Steinbearbeitung. Am Rand der Terrasse hat sich über die Jahre, in denen mit Stein, Ton und Gips gearbeitet wurde, Abraum zu einem Haufen angesammelt, verdichtet und wurde von Vegetation überwuchert. Würde man nun exakt vom höchsten Punkt der Halde bis zu ihrem Fußpunkt einen Querschnitt graben, kämen möglicherweise Schicht für Schicht die Reste von 40 Jahren Workshops, Auseinandersetzung mit Material und auch dem Scheitern daran zum Vorschein. Die Steinbearbeitung ist zeitintensiv, anstrengend und verlangt Geduld. Innerhalb eines zeitgenössischen künstlerischen Diskurses spielt sie kaum eine Rolle. Sie ist bestimmt auch nicht frei von Trends und Moden, aber selbst diese zeichnen sich durch eine gewisse Behäbigkeit aus. Ich bin neugierig, ob signifikante Unterschiede über die Zeit der Ablagerung auszumachen sind.

Bevor die Grabung beginnen kann, wird der Haufen etwa von einer Gruppe Teilnehmer*innen eines internationalen Workcamps von der Vegetation befreit, um Platz und Übersicht für die anstehenden Arbeiten zu gewinnen. Eine zwischen zwei Stickeln gespannte Schnur markiert die Grabungskante, die den Haufen halbieren würde. Würde die Halde als Skulptur betrachtet werden, wäre das abzuräumende Material auch nicht wertloses, taubes Gestein, sondern mit Bedeutung aufgeladen! Außerdem müsste auch dieser Abraum wieder wohin, also wäre so etwas wie eine Abraum-Abraumhalde nötig, oder auch eine Umnutzung des Materials, zum Beispiel als Grundlage für ein Eidechsen-Habitat. Ein Einstich mit einem schweren Spaten entlang der gespannten Schnur soll die Kante sichern. Der Bereich vor der Kante würde mit einem Pickel gelockert werden, das Geröll mit einer Schaufel in eine Schubkarre befördert und mit dieser unweit an eine vom Unterholz befreite Stelle gebracht werden, wo nun das Eidechsen-Habitat, eingefriedet durch eine kleine Trockenmauer mit dafür zugerichteten Sandsteinquadern, entstehen könnte.

Mit fortschreitender Grabung würde sich so eine Wand als Querschnitt durch den Haufen bilden. Lassen sich überhaupt einzelne Schichten als „Epochen“ deuten? Gibt es unterschiedliche Konzentrationen bestimmter Materialien, zum Beispiel eine Gips- oder Bronzephase? Können Fundstücke zu Rückschlüssen auf die vergangenen Workshops und ihre Themen sowie die entsprechenden Diskurse führen? Allerdings ist auch gar nicht gesagt, dass ein solcher Querschnitt überhaupt Schichten freilegt, vielleicht handelt es sich auch um ein mehr oder weniger homogenes oder mit Abstand betrachtet sogar um ein monochromes Konglomerat, dessen Partikel erst beim genaueren in Augenschein nehmen sichtbar werden. Vorerst bliebe ein halber Haufen, während ganz in der Nähe eine frische Aufschüttung mit entsprechenden Hohlräumen angelegt wäre, in die sich die vergrämten Eidechsen zurückziehen könnten. Das Habitat bräuchte wenig Pflege, es würde genügen, von Zeit zu Zeit kleine Bäume zu entfernen und es umzugraben, um die Bildung von Erdreich zu unterbinden.